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Zerbrechliche Arbeit, zerbechliche Orte


A pond surrounded by plants

Oliver Zerbrechliche Arbeit, zerbechliche Orte

Am Montag, 15.7.2024 war ich zu Gast in der Galerie von Annett Schneeweiß in Falkensee. Falkensee erschien mir als ein Ort, der nur aus Häusern und Gärten bestand. Ein langer Fußweg zu meiner Unterkunft führte mich an endlosen solcher Gärten und Häuser vorbei. In Gedanken bei der Frage der Partizipation an lokal gesellschaftlichen Zusammenhängen verdichtet sich bei mir die Frage: Gibt es hier überhaupt Räume für so etwas? Oder Ist Falkensee eine reine Wohn- und Schlafstadt in großer Nähe zum prominenten Berlin. Eine Trabantenstadt ohne eigenen sozialen Kern? Der Öffentliche Personen-Nahverkehr erschien mir sehr dürftig, eine Busfahrt hatte mich lange Wege durch ganz Falkensee mäandern lassen. Auf dem langen, langen Fußweg hatte ich dann wieder den Eindruck: Hier wird nur gewohnt. Orte für Gemeinschaft gibt es nicht. 

So auch am Bahnhof Falkensee: ein paar Cafés, Geschäfte. Aber irgendwie leblos. Dann plötzlich eine wilde Schaufenstergestaltung. Was ist das? Ich entdeckte zahlreiche ans Glas geheftete Artikel und Fotos: Hinweise auf Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit; Aufrufe zum Miteinander und Engagement. Spannender Kontrast zu meiner bisherigen Wahrnehmung. Ich dachte: Hier ist ein kraftvoller sozialer Ort. Und fragte mich: Haben die Leute hinter diesem „Ort“, hinter diesem Engagement, die Demenz auf dem Schirm? Wären sie interessiert an einem Gespräch mit uns?

Doch dann die größte Überraschung: Die Galerie Schneeweiß selbst. In unmittelbarer Nähe zu dem abschreckend leblosen Bahnhofsplatz erhob sich über einem Gartentor ein gebogenes Holzschild mit dem Hinweis Galerie Schneeweiß. 

Und mit dem Durchschreiten des Tores schien es mir, als betrete ich eine ganz und gar andere Welt. 

Rund um ein altes zweistöckiges Haus zog sich ein großer Garten. Zahlreiche Blumen, Pflanzen, Kübel, sogar ein Teich, und immer wieder schöne Plätze mit Stühlen, Bänken wechselten in lockerer Folge einander ab. Auch viele Skulpturen, Kunstobjekte waren da. Plötzlich war die Monotonie des Bahnhofsplatzes ersetzt worden durch eine nicht zu überblickende Fülle an interessanten, schönen, spielerischen und verrückten Details. Ich ließ diesen Ort und seine etwas wilde Poesie auf mich wirken. Diesen Ort, der so ganz anders war, als was ich bisher in Falkensee wahrgenommen hatte. Überall konnte man sitzen und verweilen und einfach da sein. Sich in aller Ruhe wundern.

A series of similar birds paintings on ceramic tiles
Abb. 1: Im Garten der Galerie Schneeweiß
A set of four steps leading up to a small wooden platform in a garden
Abb. 2: Im Garten der Galerie Schneeweiß
A blue chair leaned forwards against a white table in a garden
Abb. 3: Im Garten der Galerie Schneeweiß
A pond surrounded by plants
Abb. 4: Im Garten der Galerie Schneeweiß
Four mannequins, three wearing hats, standing in a garden
Abb. 5: Im Garten der Galerie Schneeweiß

Und dieses entspannte Gefühl durchzog den gesamten Vormittag.  

Nachdem Annett mit 3 Gästen aus der Demenzgruppe gekommen war, saßen wir zusammen an einem reich mit Porzellan und Farben bestückten Tisch. Eine Dame setzte sich wegen Schmerzen in der Schulter – sie könne nicht malen – etwas abseits an einen anderen Ort, der für Arbeiten mit Holzstücken ausgestattet war (Hier wurde immer wieder an einer großen Stadt aus Holzklötzen gebaut). Ich saß mit zwei Damen am „Porzellantisch“. Man kam locker in Kontakt, wir begannen unter der freundlichen Anleitung von Annett Schneeweiß zu malen. Zum ersten Mal begegnete mir Porzellan als Material für eigene kreative Versuche. Ich dachte: Porzellan, sinnbildlich für Zerbrechlichkeit; hier wird es jetzt Material für die Arbeit mit Menschen mit Demenz. Und dachte: Wie zerbrechlich ist diese Arbeit? Wie schön auch gerade in seiner Zerbrechlichkeit! 

Als ich am Ende dieses verwunschenen Tages wieder auf den Bahnhofplatz trat, fühlte es sich an wie ein plötzliches Erwachen, eine abrupte Rückkehr in die harte Realität. Und doch spürte ich das beruhigende Gefühl, dass gleich hier, hinter diesem alten Gartentor ein ganz besonderer Ort, von sehr besonderen Menschen gestaltet, dazu einlädt, ihn zu entdecken. 

Oliver Schultz, Juni 2024

A white table covered with plates, paints and brushes
Abb. 6: Der „Porzellantisch“ mit von den Gästen und mir bemalten Tellern

Später bekam ich mit, dass inzwischen noch andere „Gäste“ im Garten angekommen waren. Neugierig ging ich irgendwann in den hinteren Teil des Gartens, der sich als sehr groß entpuppte. 

Hier saß ich länger in einer kleinen Gruppe von 3 Gästen (zwei Damen und ein Herr) sowie einer Betreuerin aus der Tagespflege. Unter ihrer Anleitung wurde eine Skulptur aus einem Baustück, Pflanzen und Plastikteilen gebaut.

A woman working on a small tree sculpture
Abb. 7: Arbeit an der „Baumskulptur“

Die Arbeit an dem merkwürdigen Objekt war durchweg begleitet von Gesprächen und kleinen Aktionen, auch immer wieder Hilfestellungen der Gäste. Alle waren die ganze Zeit über auf sehr konzentrierte und doch entspannte Weise Teil des Geschehens und der Gespräche. 

Wie locker und „einfach so“ sich dieser Vormittag gestaltete! Alles war wunderbar und freundlich vorbereitet, überall gab es schöne Möglichkeiten, um zusammensitzen und Zeit gemeinsam verbringen zu können, um kreativ zu arbeiten. Und dennoch hatte ich nie den Eindruck einer durchdachten, konzipierten „Veranstaltung“.  

Eine Situation ist mir in besonderer Erinnerung: Nach der Fertigstellung des Baumskulptur bemerkten die Damen, dass sie von der Arbeit in der Erde ganz schmutzige Hände bekommen hatten. Etwas ratlos standen sie da. Ob sie sich die Hände waschen wollen? fragte Annet Schneeweiß und führt die Damen über den teils holprigen Gartengrund zu einem Bottich mit Regenwasser. Beide knieten sich nieder, um sich darin die Hände zu waschen und – so meine ich mich zu erinnern – an ihren Kleidern abzutrocknen. Eine ganz schlichte Situation. Aber ich dachte: Wieviele Sicherheitsbestimmungen und Hygienevorschriften, die eine institutionelle Veranstaltung solcher Art unsichtbar umringen und dressieren, werden hier, ohne mit der Wimper zu zucken, übergangen. Und dadurch für nichtig erklärt. Es geht auch einfach. Oder sogar: Es geht vor allem einfach.

Die Entspanntheit und Gastlichkeit durchzogen den gesamten Vormittag.  Das hier war ein anderer Ort, der auch eine andere Weise des Zusammenseins mit sich brachte. Anders als ein institutionell organisiertes Kreativangebot. Und Annett Schneeweiß und auch ihr Mann waren sicher die entscheidenden Personen, die diesen Ort und seine „Magie“ ermöglichten. Eine „Magie“, die um so stärker wirkte, weil sie mir so ganz anders erschien als das sehr geordnete und irgendwie anonyme Falkensee. 

Als ich am Ende des Vormittags den Garten und die Galerie verließ, fand ich mit einem Schritt auf dem kahlen, betonierten Bahnhofsvorplatz wieder. Das war schon wie ein Gefühl des harten Erwachens, der abrupten Rückkehr in die dominante Realität. Jedoch jetzt mit dem Wissen, dass gleich hier, hinter diesem Zaun sehr besondere Menschen und ein sehr besonderer Ort zu finden sind.

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